Kunden sogar im Ausland

Zwei Jahrzehnte „Spielversand in Schülerhand" der Adolf-Reichwein-Schule

VON REGINE KLEIST

Bielefeld-Sennestadt. Bei Schulen in ganz Deutschland, in Südtirol und sogar in Dänemark gilt ein vor 20 Jahren gegründetes Unternehmen mit Sitz in Sennestadt als gute Adresse: der „Spielversand in Schülerhand" (SiS) der Adolf-Reichwein-Schule (ARS). Spezialität der gemeinnützigen Firma bei der Schüler und Lehrer Hand in Hand arbeiten: der Verkauf von Spielen, die sich für Unterricht, Klassenfahrten Arbeitsgemeinschaften und besonders für schulische Freizeitangebote eignen: ausprobiert und zusammengestellt von Jugendlichen für Jugendliche.

Seit dem Start mit Hilfe des Schulfördervereins im Jahr 1983 hat SiS immerhin 1.052 Aufträge erledigt und Rechnungen verschickt. Mit Lehrerin Anita Gebauer an der Spitze des Unternehmens wurden von Anfang an Überschüsse erwirtschaftet, die in Anschaffungen für die Ganzstagshauptschule investiert wurden: vom Teleskop für die Astronomiegruppe über die Basketballanlage auf dem Schulhof bis zu Großspielen, Fußballkicker und Pool-Billardtisch für den Freizeitbereich.

Profitiert haben dabei stets auch die beteiligten Schüler der 7. bis 10. Klassen, jährlich etwa ein Dutzend, die freiwillig bei SiS mitmachen. Zu ihren Aufgaben gehört nicht nur das Ausprobieren neuer Spiele. Sie müssen anschließend Kurzbeschreibungen verfassen, die dann zu selbst gedruckten Werbematerialien zusammengefasst werden. Bei den Spielfirmen müssen Bestellungen aufgegeben, die Lieferungen zusammengestellt, die Buchführung erledigt werden. Auf Wunsch wird das Kunden-Kollegium sogar durch die ARS-Jugendlichen im Umgang mit Spielen und Regeln geschult und erhält Tipps zum Betrieb einer Spieliothek.

Um am Ball zu bleiben, stehen außerdem Beteiligungen an Spielemessen, am Schulfest und am Sennestädter Weihnachtsmarkt mit auf dem Pflichtprogramm: nicht während der Schulzeit, sondern an Wochenende. Bis heute haben an der Adolf-Reichwein-Schule auf diese Weise über 250 junge Leute einen ersten Einblick in Handel und Wandel erhalten.

Den Anstoß, ein eigenes kleines Unternehmen auf die Beine zu stellen, gab, so erinnert sich der heutige Firmenchef und Konrektor Dirk Hanneforth, der damalige AOL-Chef Frohmut Menze. Für das von ihm herausgegebenen Handbuch „Schulspaß und Schulspiele" hatte der Lehrer der Adolf-Reichwein-Schule damals unter der Überschrift „Spielsammlung für die Klasse" gezielt Brettspiele empfohlen, die sich im Schulalltag bewährt hatten. „Warum bietet ihr die Spiele für die Klasse nicht selbst zu Verkauf an", erkundigte sich Menze telefonisch.

In der ehemaligen Hausmeisterwohnung wurde ein eigenes SiS-Büro eingerichtet. Hanneforth: „Wir haben bewusst keinen Klassenraum genutzt, um die veränderte Arbeitssituation zu verdeutlichen. Nicht mehr Schule und Unterricht waren angesagt, sondern die Firma mit eher kooperativen Arbeitsformen." Zwölf Jugendliche der 9. Klassen hätten sich damals spontan bereit gefunden, sich dafür wöchentlich einmal für eine Stunde in der Mittagspause mit Lehrern zu treffen.

Statt einheitliche Pakete an zu bieten, lassen sich die SiS-Mitarbeiter heute von den Kunden Etat und Zielgruppe nennen: Primarbereich, Sekundarstufe I oder II. Für sechs bis sieben Spiele werden zwischen 150 und 250 Euro veranschlagt, nach oben gibt es keine Grenzen.

Mit zum Sortiment von SiS gehört seit 1999 die Arbeitsmappe zum „Schlichterprogramm", der gewaltfreien Beilegung von Streitigkeiten unter Schülern durch Schüler. Die Mappe, die schon von knapp 400 Schulen geordert wurde, ist an der Adolf-Reichwein-Schule entwickelt und im Eigenverlag hergestellt worden. Als Ergänzung werden inzwischen selbst gedrehte Videofilme zur Schulung von Schlichtern und zum Einsatz von Busbegleitern angeboten.

Neue Westfälische Bielefeld

14. Mai 2003