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Schweigen im Trainingsraum
In der Adolf-Reichwein-Schule müssen Störer über Besserung nachdenken

Im Trainingsraum: Mit Blick auf die dort geltenden Regeln müssen die Missetäter schriftlich ihre Regelverstöße analysieren und sich einen Besserungsplan überlegen. Referendarin Simone Gehb, die das ARS-Projekt gemeinsam mit Lehrerin Ruth Lösche und weiteren Lehrkräften nach dem Vorbild der Lutherschule vorbereitet hat, ist hier gerade als Aufsicht im Einsatz. Foto: Regine Kleist

VON REGINE KLEIST

Sennestadt. Das soll ihnen nicht noch einmal passieren. Darin sind sich Andre (15), Lisa (14) und Markus (13; Namen von der Redaktion geändert) einig. Schweigend im „Trainingsraum" der Adolf-Reichwein-Schule (ARS) zu sitzen, finden die drei Jugendlichen "fürchterlich langweilig". Noch schlimmer aber ist für sie, über ihre Missetaten und Verhaltensänderungen nachzudenken - und das auch noch zu Papier zu bringen.

Darum wird der „Trainingsraum", seit dem Ende der Herbstferien in Betrieb, unter den Schülerinnen und Schülern der Hauptschule auch kurz „Folterkammer" genannt. Dabei handelt es sich um einen ganz normalen Klassenraum. Während der Unterrichtszeiten ist er stets mit einer Lehrkraft besetzt, die Aufsicht führt. Dafür wurde der Stundenplan umgeschichtet.

„Eigenverantwortliches Denken" heißt das Programm, das verhindern soll, dass wertvolle Unterrichtszeit verloren geht. Dafür gibt es nach Auskunft der federführenden Lehrerin Ruth Lösche feste Regeln. Ziel ist eine Verbesserung des Klassen- und Schulklimas, gepaart mit mehr Freude und Erfolg beim Lernen.

Alle Jugendlichen haben diese Regeln unterzeichnet. Darin heißt es: „Jede Schülerin und jeder Schüler hat das Recht, ungestört zu lernen. Lehrerinnen und Lehrer haben das Recht, ungestört zu unterrichten. Alle müssen stets die Rechte der anderen beachten und respektieren."

Wer in einer Schulstunde dagegen verstößt, wird zunächst ermahnt - mit Eintrag ins Ermahnungsprotokoll, Wiederholungstäter aber müssen die Klasse verlassen und sich in den Trainingsraum begeben; ausgestattet mit einem Laufzettel, auf dem Uhrzeit und Art des Verstoßes verzeichnet sind.

Dort angelangt, bekommen sie einen Vordruck, in den sie die Ergebnisse ihres Nachdenkens über den Störfall und einen Vorschlag, was sie künftig besser machen wollen, niederschreiben müssen. Mit dazu gehört auch ein Vorschlag, wann sie den im Unterricht versäumten Stoff nachholen werden. Die Inhalte müssen von der Aufsicht und anschließend von dem Fachlehrer akzeptiert werden, der ein Machtwort gesprochen hat. Andernfalls muss das schriftliche Nachdenken fortgesetzt werden. Geht die Fachstunde zu Ende, ist auch mit dem Nachdenken zunächst einmal Schluss. Der Schüler soll keinen weiteren Unterricht beim nächsten Fachlehrer verpassen. Dafür muss er in der nächsten Stunde bei jener Lehrkraft, die ihn an die Luft gesetzt hat, im Trainingsraum weiter an seinem Verbesserungsplan arbeiten. Ist der vollendet, wird er im Trainingsraum in der Klassenakte abgeheftet.

Stört ein Schüler selbst in der „Folterkammer" weiter, muss er seine Sachen packen und nach Hause gehen. Die Eltern werden angerufen und erhalten einen Infozettel, den sie unterschreiben müssen. Am Unterricht darf ihr Sprössling erst wieder teilnehmen, wenn Vater oder Mutter zu einem Gespräch in der Schule gewesen sind.

„Die wollen oft gar nicht glauben, dass ihr Kind den Unterricht so massiv stört", berichtet Rektor Dirk Hanneforth. „Durch die Protokolle und die handschriftlichen Besserungspläne können wir das aber belegen. Das hilft uns, mit den Eltern gemeinsam zu überlegen, wie wir umsteuern können. Die Kollegen sagen, dass der Unterricht jetzt entspannter läuft und sie Zeit gewinnen, die früher für Diskussionen mit dem Schüler verloren ging." Obwohl das Trainingsprogramm für die 300 ARS-Schülerinnen und Schüler ab Herbst stufenweise eingeführt wurde, stehen in den Akten bisher schon 400 Trainingsfälle. Jungen sind häufiger vertreten. Lisa, die während des Unterrichts einfach gefrühstückt hat, war schon zweimal da, Markus, der geschwätzt hat, sogar schon dreimal, Andre, der Briefchen an seine Mitschüler geschrieben hat, nur einmal. Einig sind sich alle drei: „Das reicht, und soll nicht wieder passieren. Unterricht macht mehr Spaß."
 

Neue Westfälische, Bielefeld, 07. Februar 2006


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Webmaster, Stand: 19. Januar 2008                                         [zurück nach oben]