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SiS - Spielversand in Schülerhand

Aus: gruppe & spiel. Zeitschrift für kreative Gruppenarbeit, 6/2001; Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Seelze-Velber, S. 32-35.

SiS - Spielversand in Schülerhand
Eine Schülerfirma stellt sich vor.

Der Erfahrungsbericht über die Anfänge unserer Schülerfirma will nicht nur erzählen, wie es zur Gründung kam, sondern auch Hinweise für die Gründung Ihrer Firma geben.

Für das AOL-Handbuch „Schulspaß und Schulspiele" sollten wir über unsere Erfahrungen mit Brettspielen in der Schule berichten und unter der Überschrift „Spielsammlung für die Klasse" gezielt Spiele empfehlen 1. Dies war kein Problem, setzen wir doch seit 1979 Brettspiele in Arbeitsgemeinschaften und im Freizeitbereich ein 2.

Dann kam 1983 ein Anruf von AOL-Chef und Handbuch Herausgeber Frohmut Menze: „Warum bietet ihr die Spiele für die Klasse nicht selbst zum Verkauf an? Gründet doch eine Arbeitsgemeinschaft und arbeitet dann als nichtkommerzielle Versandfirma!".

Wir kamen ganz schön ins Wirbeln. Eine „richtige" Firma - nur von Schüler/innen betrieben - in einer Hauptschule - da mussten wir gleich zwei Nächte darüber schlafen, um zu entscheiden, „ja, das versuchen wir". In seinem „Anstoß-Telefonat" hatte uns Frohmut Menze auch gleich den Weg zur Organisation vorgeschlagen: Mit Hilfe des Fördervereins könnte ein Weg gefunden werden, der auch die finanziellen Aktivitäten der Firma absichern würde.

An vielen Schulen helfen Fördervereine bei der Entwicklung und Gestaltung des Schullebens. Fördervereine sind in der Regel vom Finanzamt als „gemeinnützig" anerkannt und genießen daher besondere Rechte.

Telefonisch half uns die Industrie- und Handelskammer (IHK) weiter: Eine Eintragung ins Handelsregister ist erst bei einem Jahresumsatz von ca. 600.000 DM erforderlich. Möglich wäre die Gründung einer GmbH, die aber 50.000 DM Eigenkapital voraussetzt. Im Sinne der IHK sei die Schülerfirma kein Gewerbetreibender und somit nicht eintragungspflichtig.

Bei einem Besuch im Finanzamt konnten wir die weiteren Fragen klären, denn schließlich wollte der Förderverein nicht seine Gemeinnützigkeit verlieren. Nach den Auskünften würde unsere Firma erst bei Brutto-Einnahmen von mehr als 60.000 DM im Jahr körperschafts- und gewerbesteuerpflichtig. Umsatzsteuer ist erst bei Brutto-Einnahmen von mehr als 25.000 DM pro Jahr zu zahlen (Kleinunternehmenbesteuerung). Diese Angaben gelten für gemeinnützige Vereine, deren wirtschaftliche Betätigung nicht Selbstzweck sein darf („Nebenzweckprivileg"). Erlaubt ist das Beschaffen von Mitteln für steuerbegünstigte Zwecke anderer Körperschaften.

Also, auch von Seiten des Finanzamts stand unserer „Firmengründung" nichts im Wege.

Dann war alles klar. Der Förderverein erkannte die Schülerfirma an und bewilligte einen Kredit in Höhe von 250 DM. In der ehemaligen Hausmeisterwohnung der Schule war Platz für unsere Zusammenkünfte. Wir haben bewusst keinen Klassenraum als Büro gewählt, um den Schüler/innen von Anfang an die veränderte Arbeitssituation zu verdeutlichen. Nicht mehr Schule mit (Frontal-)Unterricht war angesagt, sondern „Firma" mit eher kooperativen Arbeitsformen.

Nach der Vorstellung des Projekts in unseren 9. Klassen meldeten sich zwölf Schüler/innen, die sich wöchentlich für eine Stunde in ihrer Freizeit (Mittagspause) mit den Lehrer/innen trafen.

Die Arbeit in der Firma konnte beginnen. Der Name war schnell gefunden. Nachdem „spiel shop" und „Reichweins reizende Spiele" verworfen wurden, entschieden wir uns für „SiS - Spielversand in Schülerhand". Hier hatten wir eine Abkürzung, die sich leicht merken lässt und gleichzeitig einen Namen, der auch das Programm ausdrückte.

Dann begann die inhaltliche Arbeit. Zunächst stellten wir Spielpakete zusammen, die wir anderen Schulen zum Kauf anbieten wollten. Je ein Spielpaket war für die Primarstufe, die Orientierungsstufe und die Sekundarstufe I gedacht. Zu jedem Paket gehörten sechs bis sieben Spiele, deren Gesamtpreis zwischen 170 DM und 320 DM lag.

Unsere Schüler/innen testeten Spiele, entwarfen Werbetexte und stellten jedes Spielpaket auf einer DIN A4 Seite vor. Zu den Informationen, die wir verschickten, gehörten Hinweisblätter zu den drei Paketen, eine Vorstellung unserer Gruppe „Wir über uns" und eine Preisliste.

Auf der schuleigenen Druckmaschine konnten wir unsere Prospekte drucken. Dann wurden die Briefumschläge adressiert und frankiert, die Prospekte eingelegt und an die Interessierten verschickt.

Und dann begann das Warten. Die Schüler/innen fieberten natürlich dem ersten Auftrag entgegen. Der kam Ende November. Bis zum Ende des Jahres konnten wir sechs Spielpakete verkaufen. Wir waren zufrieden.

Durch unsere „Gründungsgeschichte" wurde uns eine der schwierigsten Grundsatzentscheidungen abgenommen. Schon bevor wir uns entschieden hatten, eine Firma zu gründen, wussten wir, dass wir mit Spielen handeln wollten. Das Produkt „Spiele" ergab sich ganz von allein, schließlich gibt es an unserer Schule schon lange die Spielausleihe im Freizeitbereich (Spieliothek) und die Schülerzeitung "Spielcasino", die sich nur mit Brettspielen beschäftigt 3. Wir verfügen also über ausreichend Erfahrungen mit Brettspielen in der Schule.

Jede neue Firmengründung sollte auf die eigenen Erfahrungen und Vorlieben ihrer Gründer bauen.

Nach der Zusammenstellung der Pakete informierten wir pädagogische Fachzeitschriften und baten sie um einen Hinweis auf unsere Gruppe. Einige Zeitungen druckten den Text so schnell ab, dass die ersten Prospektanforderungen bei uns eintrafen, bevor wir dessen Gestaltung abgeschlossen hatten.

Hinweise auf die Arbeit der Schülerfirma konnten immer mal wieder in Form von Pressemitteilungen und -einladungen an die zuständigen Redaktionen weitergegeben werden. Zu den „Erfolgen" der Firma gehörte die Anschaffung einer Basketballanlage für den Schulhof. Bei der Übergabe der Anlage an die Schulleitung war die Presse natürlich dabei und warb so mit einem Foto in der Lokalzeitung für Schule und Schülerfirma.

Bis zum Versand der Prospekte mussten wir die Frage der Beschaffung der Spiele klären. Natürlich konnten wir von unserem Etat kein Warenlager anlegen. Dieses Geld benötigten wir für Porto, Druckkosten und Büroartikel.

Dank der guten Verbindung zum örtlichen Spielwarenhandel konnten wir aber unsere Spiele dort mit einem Rabatt einkaufen und mit Gewinn weitergeben.

Wir beziehen jetzt von verschiedenen Herstellern unsere Spiele direkt. In der Zwischenzeit verfügen wir auch über ein finanzielles Polster, so dass wir uns ein kleines Warenlager leisten können.

Die Schüler/innen halten jede Anschrift von Interessierten und Kunden in einer Kartei fest. Bis heute sind es weit über 500 Adressen. Natürlich muss die Kundenkartei gepflegt werden: Kundenanschriften ändern sich, andere ziehen um oder erklären, dass sie unsere Informationen nicht mehr benötigen.

Dann musste ein Konto eingerichtet werden. In jeder neuen Gruppe steht das Thema „Zahlungsverkehr" auf dem Programm. Dann lernen die Schüler/innen eine Rechnung zu bezahlen, in dem sie einen Überweisungsvordruck oder Scheck ausfüllen. Es ist schon erstaunlich, wie viele Fehler dabei gemacht werden können. Die Banken, Sparkassen und auch die Post bieten dazu Blankomaterialen an.

Vergleichbar dazu lernen die Schüler/innen Rechnungen kennen, Lieferscheine auszufüllen und Pakete ordnungsgemäß zu packen, zu adressieren und zu versenden.

Wer einen Versand betreibt muss sich selbstverständlich um die aktuellen Neuheiten auf seinem Gebiet erkundigen. Auch eine Schülerfirma, die etwas herstellt, muss wissen, was die „Konkurrenz" anbietet.

Gute Informationsmöglichkeiten ergeben sich beim Spielmarkt in Remscheid und auf den Spieltagen in Essen. Die Gruppe besucht diese Messeveranstaltungen jährlich, um sich zu informieren. Nach den Besuchen berichten die Schüler/innen über neue Produkte, die dann getestet und möglicherweise in das Programm übernommen werden.

Auf dem Remscheider Spielmarkt stellt der Spielversand selbst aus. Weitere Ausstellungen unserer Gruppe auf Schulfesten, Weiterbildungsseminaren und Spielveranstaltungen folgten.

Zu Weihnachten gab es immer mal wieder Verkaufsaktionen zu einzelnen Produkten. Bis heute gibt der Spielversand keinen richtigen Katalog heraus, sondern Informationsblätter zu Schwerpunktthemen.

So haben wir in einem Schuljahr in allen Klassen ein Programm zur Stärkung sozialer Kompetenzen durchgeführt, um der zunehmenden Gewalt unter Schüler/innen etwas entgegen zu setzen. Das Programm heißt "Schlichterprogramm" weil ältere Schüler/innen danach in der Lage sind, Streitigkeiten unten jüngeren gewaltfrei zu schlichten. Die Arbeitsmappe zum Schlichterprogramm stellen wir im Eigenverlag her und vertreiben sie mit den im Programm eingesetzten Spielmaterialien.

In einer anderen Aktion ließen wir für unsere Schule runde Würfel mit dem Aufdruck „ARS" herstellen. Die Würfel wurden mit Gewinn auf Schulveranstaltungen verkauft.

In den folgenden Jahren haben wir die Spielpakete nicht mehr angeboten. Das Angebot für Schulen ist spezieller geworden. Wir bitten diese Kunden uns ihre Etathöhe und den geplanten Einsatzort der Spiele mitzuteilen. Dann erhalten sie ein nach unseren Erfahrungen zusammengestelltes Spielpaket, dass ihren Bedürfnissen entspricht.

Wenn es räumlich und zeitlich möglich ist, schließt unser Angebot die Schulung des Kollegiums durch unsere Schüler/innengruppe ein. Die Kunden kommen in unsere Schule, lernen die Spiele direkt kennen und erhalten viele Tipps für den Umgang mit Spielen und die Arbeit in der Spieliothek. Auf dem Rückweg nehmen sie dann ihre Spiele mit. So sparen wir Geld für Porto und Verpackung und die Schüler/innen müssen ihre Produkte erklären. Auch das ist nicht einfach und wird vorher in Rollenspielen geübt. Auch für „Vertreterbesuche" in benachbarten Kindergärten und Schulen werden die Schüler/innen geschult.

Besonders „spannend" ist natürlich der Direktverkauf auf Spielmärkten, Schulfesten und Weiterbildungsveranstaltungen. Hier müssen Spiele zwar immer wieder erklärt werden, dafür können die Erfolge aber auch an den Einnahmen sofort gemessen werden. Trotz Wochenendeinsatz ist diese Arbeit besonders beliebt.

Von den erzielten Überschüssen wurden ein Fußballkicker für die Schule gekauft. Später folgten ein Teleskop für die Astronomiegruppe der Schule, Großspiele und Pool-Billard-Tisch für den Freizeitbereich, Sportspiele und eine Basketball-Anlage für den Schulhof.

Finanziell lohnt sich unsere Firma also. Über 900 Rechnungen sind bereits geschrieben.

Die ursprüngliche Absicht, Schüler/innen verstärkt in betriebliche Zusammenhänge einzuführen, konnte leider nur in Ansätzen verwirklicht werden. Da wächst uns der tägliche Kleinkram oft über den Kopf. In jeder Woche gibt es so viel zu besprechen, zu entscheiden oder auch mal auszuliefern, dass für Informationen zu Buchführung, Betriebsrat, Steuergesetzen usw. kaum Zeit bleibt. Aber daran arbeiten wir ständig.

Kinderarbeit ist verboten, ist ja klar. Und wie sieht das in einer Schülerfirma aus?

Auch diese Frage wird gesetzlich geregelt: § 5 des Jugendarbeitsschutzgesetzes verbietet grundsätzlich die Beschäftigung von Kindern, die noch nicht 14 Jahre alt sind.

Ausnahmen gibt es natürlich auch. Verboten ist aber die Arbeit zwischen 18.00 Uhr und 8.00 Uhr und während der Schulzeit.

Also alles verboten? Wir meinen nein. Schließlich gilt das Verbot nicht für die Beschäftigung von Kindern zum „Zwecke der Beschäftigungs- und Arbeitstherapie" und im „Rahmen des Betriebspraktikums während der Vollzeitschulpflicht". Die Mitarbeit in der Schülerfirma ist also, auch vom Gesetz erlaubt. Dies schließt aber nicht aus, dass Thema „Kinderarbeit" in der Schülerfirma zu besprechen, gerade weil SchülerInnen und deren Eltern diesem Verbot oft nicht immer genügend Verständnis entgegenbringen.

Buchführung ist wenig beliebt, muss aber sein und ist gar nicht so schwierig. Eine Vereinsbuchführung kann mit der Buchführung in einer Firma auch nicht verglichen werden. Sie ist viel einfacher. Eine Vereinskasse muss nur „ordnungsgemäß" geführt werden. Dazu reichen in der Regel die Aufzeichnungen über Einnahmen und Ausgaben. Die doppelte Buchführung ist im steuerbegünstigten Bereich nicht notwendig.

Wir meinen, eine Schülerfirma ist eine lohnende Sache. Nicht der Reingewinn ist das entscheidende, sondern die Erfahrungen, die SchülerInnen bei dieser Beschäftigung machen. Hier gewinnen Sie die Selbstständigkeit, die ihnen ein wichtiges Gefühl der Sicherheit gibt.

„Nachahmer" dürfen sich mit ihren Fragen gern an uns wenden.

Dirk Hanneforth


Einige hilfreiche Materialien:

Giro. Der bargeldlose Zahlungsverkehr (geeignet ab Klasse 7)

hrsg. vom Sparkassen Schul Service (Kirchfeldstraße 60, 40033 Düsseldorf).

Die kostenlose Mappe enthält verschiedene Vordrucke: Scheck, Euroscheck, Überweisung, Gutschrift, Verrechnungsscheck, Kontoauszug und Rechnung (blanko und ausgefüllt).

Literatur:

Monika Böttges: Förderverein. Gründung - Durchführung - Projekte, Lichtenau: AOL-Verlag 1994

Finanzministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Vereine und Steuern, Düsseldorf 1994 (Kostenlos erhältlich beim Presse- und Informationsreferat des Finanzministeriums, Jägerhofstraße 6, 40479 Düsseldorf)

Otto Sauer, Franz Luger: Vereine und Steuern, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1991


1 vgl.: Dirk Hanneforth: Spielsammlung für die Klasse; in: AOL (Hg.): Schulspaß und Schulspiele. Handbuch zum Schulalltag 2, Reinbek: 1983

2 vgl.: ders.: Spieliothek in der Schule, a.a.O.

ders.: Die Spieliothek in der Ganztagsschule. Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 2005. (ISBN 3-89974166-8)

3 Probehefte von „Spielcasino“ gibt es bei Voreinsendung von DM 2,50 in Briefmarken (Adolf-Reichwein-Schule, Uchteweg 26, 33689 Bielefeld).


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Webmaster, Stand: 19. Januar 2008                                         [zurück nach oben]