Sozialverhalten statt Kopfnote
Neue Zeugnisformulare an weiterführenden Schulen / Zusätzliches Beiblatt
VON REGINE KLEIST
Bielefeld. Am Freitag, 13. Februar, stehen schon wieder Zeugnisse ins Haus. Ab der fünften Klasse - egal welche Schulform - sehen die Lappen diesmal anders aus. Auf einem Beiblatt gibt es zusätzlich zu den Noten Raum für Beobachtungen und Förderempfehlungen des Lehrers, die bei allen Wackelkandidaten aufgeführt werden müssen.
Darüber hinaus können die Schulen Aussagen zum Arbeits- und Sozialverhalten ihrer Schüler machen. Das ist die NRW-Alternative zur Wiederbelebung der früheren Kopfnoten. Noch Kür, soll dies zu den Versetzungszeugnissen im Sommer nach Auskunft der Bezirksregierung Detmold ebenfalls Pflicht werden.
Was ist Pünktlichkeit?
Mindestens zwei von elf Bielefelder Hauptschulen wagen nach Auskunft von Schulrat Harald Drescher den Doppelsprung: die Hauptschule Oldentrup und die Adolf-Reichwein-Schule in Sennestadt. Deren Konrektor Dirk Hanneforth sagt: „Einfach übernehmen geht nicht. Unter Einbeziehung ihres Schulprogramms muss jede Schule selbst entscheiden, was ihr besonders wichtig ist."
Vielleicht Pünktlichkeit? Aber was ist pünktlich? Wenn der Schüler mit dem Klingeln die Klasse betritt? Oder muss er mit dem Fachbuch auf dem Tisch auf den Lehrer warten?
Gemeinsam mit der Schulpflegschaft sind in der Adolf-Reichwein-Schule Schlüsselqualifikationen für die Klassen von 5 bis 10 ausgewählt worden. Die reichen von Zuverlässigkeit über angemessene Umgangsformen und Leistungsbereitschaft bis zur Teamfähigkeit. Gerade für die letzten beiden Jahrgänge, sagt Hanneforth, hätten die Eltern, geprägt durch Erfahrungen aus dem Berufsleben, besonderen Wert auf ausführliche Aussagen zu Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft gelegt.
In der Verbindlichkeit der Vorgaben - für Schüler wie Lehrer - sieht Schulrat Drescher einen Schritt zu mehr Qualität. Die Schule bekomme auch hinter verschlossenen Klassentüren eine einheitliche Linie. Den Pädagogen als Einzelkämpfer werde es nicht mehr geben. Er müsse sich jeden Schüler nun genauer anschauen, um mit den Kollegen gemeinsam die Zeugnisaussagen formulieren zu können. Wenn sich dann herausstelle, dass ein Schüler bei einem Lehrer oft störe, beim anderen aber bestens mitarbeite, werde sicher auch diskutiert, wo der Hase im Pfeffer liegen könnte.
Gleichzeitig erhofft er sich auch, dass die Eltern verstärkt in die Erziehung ihrer Sprösslinge einbezogen werden. Sie könnten nicht mehr wegsehen, wenn da im Zeugnis stehe, dass der Sohn wenig zuverlässig ist, sein Arbeitsmaterial selten dabei hat und sich oft unhöflich verhält.
Einen zusätzlichen Schub werden nach Meinung des Schulrats auch die neuen Lern- und Förderhinweise für Schüler bringen, die sich auf den Hosenboden setzen müssen, um im Sommer versetzt zu werden.
„Max hat erhebliche Probleme mit dem Bruchrechnen", könnte zum Beispiel ergänzend zum „Ausreichend" in Mathematik im Zeugnisbeiblatt des Knaben Mustermann stehen. Und das „Mangelhaft" in Englisch wird vielleicht erklärt durch den Hinweis: „Max könnte deutlich besser sein, wenn er seine Vokabeln gewissenhafter lernen würde, denn seine Aussprache ist gut."
Diese schulische Forderung und Förderung müsse, versichert Schulrat Drescher, nicht zu einer Mehrbelastung der Lehrer führen. Die Schulen könnten ihre Klassengrößen bis zu einem gewissen Grad selbst bestimmen. 80 Schüler eines Jahrgangs könnten auf vier oder drei Klassen verteilt werden. Das bedeute die Einsparung von bis zu 28 Lehrerstunden - zu nutzen für spezielle Förderung. Kleine Klassen seien nicht das Allheilmittel.
Kasten
Zeugnis für Max Mustermann
So könnten die neuen Aussagen zum Arbeits- und Sozialverhalten des Schülers Max Mustermann aus dem zehnten Jahrgang der Adolf-Reichwein-Schule im Februarzeugnis aussehen:
Zuverlässigkeit: Max war immer (meistens / selten) pünktlich und gab Mappen, Berichtigungen, Unterschriften usw. stets (meistens / selten / nie) termingerecht ab. Er hielt sich zuverlässig (meistens / selten) an Absprachen. Die benötigten Arbeitsmaterialien hatte er immer (meistens / nie) dabei.
Angemessene Umgangsformen: Max war immer (nicht immer / selten) höflich und rücksichtsvoll. Er benutzte häufig Schimpfwörter. Er ließ andere gelegentlich (häufig) nicht aussprechen.
Leistungsbereitschaft: Max arbeitete (nicht immer / selten) konzentriert im Unterricht mit. Er sprach (nicht immer) deutlich und korrekt und schrieb leserlich / unleserlich. Er war (nicht immer / meistens nicht) in der Lage, Schwierigkeiten selbstständig zu bewältigen.
Neue Westfälische
Bielefeld, 06.01.2005