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Statt Pillen ein offenes Ohr
VON REGINE KLEIST Sennestadt. Eine Schmerztablette gegen Kopfweh im Unterricht? Die gibt es nicht bei Dr. Ina-Marei Strate-Schneider. Sie rät zu frischer Luft und vielleicht noch einem Tropfen Pfefferminzöl auf Stirn oder Schläfen. Dafür hat die Medizinerin aber immer ein offenes Ohr: für alle Probleme und Problemchen rund um die Gesundheit, mit denen Schüler und manchmal auch Lehrer und Eltern zu ihr kommen. Die Ärztin aus dem städtischen Gesundheitsamt hält jetzt im fünften Jahr einmal wöchentlich eine Sprechstunde in der Adolf-Reichwein-Schule ab: immer dienstags ab 10.30 Uhr. Wird in der Pause per Lautsprecher angekündigt, dass sie nun da ist, gibt es meist einen Ansturm. Die Jungs, speziell die kleineren, zeigen besonderes Interesse an ihren Wachstumstabellen. Deren Ausgabe geschieht schon mal im großen Kreis. Ansonsten herrscht Vertraulichkeit im kleinen Gruppenraum, der als Sprechzimmer genutzt wird. Es sei denn, die jungen Ratsuchenden bringen zur Rückendeckung die beste Freundin oder den besten Freund mit." „Wir sind froh, dass wir Frau Dr. Strate-Schneider haben", sagt Schulleiter Dirk Hanneforth. „Sie genießt unser aller Vertrauen. Wenn Schülerinnen oder Schüler in Ruhe mit ihr reden möchten, dann werden sie auf eine Liste gesetzt und dürfen auch während des Unterrichts hingehen." Natürlich sei es auch schon vorgekommen, dass sich jemand vorm Lernen drücken wollte, aber das merke die Medizinerin ziemlich schnell. „Der muss postwendend wieder in seine Klasse." Seit Einführung der Praxisgebühr schicken – so Hanneforth – viele Eltern ihre Sprösslinge seltener zum Arzt, obwohl Kinder und Jugendliche doch gar nicht zahlen müssten. Außerdem sei es für familienversicherte Mädchen oft nicht einfach, zuhause um die Krankenversicherungskarte zu bitten, um einen Frauenarzt aufsuchen zu können. „Sie kennen aber unsere Schulärztin und wissen, dass sie ohne Scheu alles ansprechen können, was sie bewegt." Dr. Strate-Schneider wird, wie sie berichtet, mit vielen unterschiedlichen Themen konfrontiert. Mädchen sorgen sich, ob sie zuviel oder zu wenig Busen haben, finden sich hässlich und denken sogar an eine Schönheitsoperation. „Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass es doch wenig Sinn macht, an einem gesunden Körper herum zu operieren. Wichtig ist die Stärkung ihres Selbstbewusstseins, damit sie sich selbst akzeptieren." Die Hänflinge unter den Jungs erkundigten sich oft, ob es nicht sinnvoll sei, regelmäßig im Fitnessstudio zu trainieren. Sie erhalten meist den Hinweis, es erst einmal mit Vereinssport in der Gruppe zu probieren. Natürlich geht es in der Sprechstunde auch um Magersucht, Fresssucht und diverse Diäten; ebenso um Fragen der Verhütung, in Einzelfällen sogar um eine ungewollte Schwangerschaft. Dazu Dr. Strate-Schneider: „Natürlich gebe ich den Jugendlichen ganz offen alle gewünschte Informationen. Wenn darüber hinaus Beistand nötig sind, versuche ich - immer im Einverständnis mit der Betroffenen – möglichst einen anderen Erwachsenen mit ins Boot zu holen. Die Mutter, eine Verwandte, vielleicht auch eine Lehrerin. Irgendwie finden wir immer eine Lösung." „Wenn wir in der Schule das Gefühl haben, dass mit einem Kind etwas nicht stimmt, dann bitten wir es auch von uns aus, doch einmal in die Sprechstunde zu gehen", ergänzt der Schulleiter. Falls die Ärztin im Gespräch dann herausfindet, dass mehr dahinter stecken könnte, empfiehlt sie, umgehend den Hausarzt aufzusuchen. Das gilt auch für den hustende und schniefende Lehrer, die alle Hausmittelchen schon durch haben.
Neue Westfälische, Bielefeld, 04.03.2005 |
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